Hexe

Autorin: Sonja Hoegen

Hexe war ein Vollprofi! Sie glaubte, es sei ihr Job, Haus und Garten zu verteidigen, und das tat sie laut bellend mehrmals am Tag. Sobald ihre Menschen die Gartentür aufschoben, sauste Hexe hinaus, den Zaun entlang und schließlich in die Ecke zum Kompost (natürlich immer kläffend), wo sie gefährliche Eindringlinge vermutete.

  

Da Hexe ein Cairn Terrier ist, war dieses Verhalten nicht ungewöhnlich. In Schottland wurden diese Hunde gezüchtet, um die Steinwälle (cairns) von Füchsen und anderen Raubtieren zu säubern. Nun, das tat Hexe – oder so ähnlich. Sie hatte einen Riesenspaß dabei.

Nicht ganz so viel Spaß hatten ihre Menschen, die Familie Fischer, und die Nachbarn. Und auch für Hexe selbst war dieses Verhalten gefährlich. Ihre Gelenke machten Probleme, das Hinunterrennen und –springen in den Garten verschlimmerten diese. 

Man könnte meinen, dass ein Hund ein solches Verhalten nicht zeigen würde, wenn es ihm Schmerzen bereitet. Doch so funktioniert das (leider/glücklicherweise?) nicht. Hexe wusste genau, was kam, wenn ihre Menschen zur Gartentür gingen. In Erwartung dieses Ereignisses produzierte ihr Körper Adrenalin, was sie wiederum unempfindlich gegenüber Schmerzen machte. Die Schmerzen spürte sie also erst, als das Adrenalin abgebaut war: eine Weile nachdem Toben. Damit konnte Hexe die Schmerzen nicht mit dem Toben in Verbindung bringen. Die Schmerzen waren eine Bestrafung: wie alle Bestrafungen trugen sie nicht dazu bei, das Verhalten zu ändern, denn Bestrafungen kommen immer zu spät. Wären die Schmerzen während des Verhaltens aufgetaucht, wären sie ein negativer Verstärker gewesen und hätten das Einstellen des Verhaltens bewirkt. (Wem dieser kleine Ausflug in die Medizin und Lerntheorie des Hundes gefallen hat, sollte das Buch Karen Pryor: „Positiv bestärken – sanft erziehen“ lesen.) 

Nun galt es, Hexe klar zu machen, das es nicht ihr Job war, Haus und Garten zu verteidigen. Ich hatte vor, Hexe auf Kommando das Bellen abzutrainieren, ähnlich wie bei Paulchens obiger Geschichte. Doch Hexe bellte nicht, wenn ich da war, und so konnte ich auch wenig trainieren. Ich war etwas frustriert – bis mir auffiel: ja war ich denn scheppes?! Hexe bellte nicht, wenn sie Guttis und Zuwendung bekam. So einfach! 

Also wandten wir einen Trick an. Hexe wurde nur noch in den Garten hinausgelassen, wenn sie ruhig war. Gleich nach den ersten Schritten wurde sie abgerufen und bekam Guttis. Folglich ging Hexe nur noch langsam hinaus: sie wartete auf die Guttis. Nach und nach wurde die variable Belohnung eingesetzt, was sie noch langsamer hinaus gehen ließ. Der Moment des Hinaussausens und Kläffens war vorbei. Ab und zu bellt Hexe noch am Zaun, um den Füchsen den Marsch zu blasen. Das ist erlaubt. (Ich bin kein Freund davon, einem Hund mit solch starken Trieben seinen Lieblingsspaß zu verderben, und die Fischers netterweise auch nicht.) Doch nicht mehr so schnell und laut und lang. Sie hat gelernt, dass es sich viel mehr lohnt, bei ihren Menschen zu bleiben.

 

 

Ella

Autorin: Sonja Hoegen

Ella (Appenzeller-Mix, 1 Jahr) hatte Angst, allein zu bleiben. Sie biss Türen auf, riss das Holz heraus. Kein guter Zustand, nicht fürs Haus, und nicht für Ella, die das ja nicht aus bösem Willen tat, sondern weil sie Panik hatte.

Mit diesem Problem kamen Ellas Menschen zu mir. Sie befürchteten, Ella abgeben zu müssen, denn beide arbeiteten, und konnten nicht rund um die Uhr bei ihr sein.

Die Familie war vor kurzem sehr eilig umgezogen, in ein Haus, dass Ella nicht kannte. Und insgesamt war Ella nicht der selbstsichere Typ. Sie hat eine starke Bindung zu ihrem „Frauchen“, denn sie wurde als Neugeborenes von ihrer Mutter abgestoßen, mit der Flasche aufgezogen und kam mit gerade mal 4 Wochen zu ihrer jetzigen Familie, in welcher ihre menschliche Mutter ihr die Flasche gab.

Auch sonst hatten die Beiden eine liebevolle und innige Beziehung. In der alten Wohnung konnte Ella problemlos mehrere Stunden alleine bleiben. Nun musste sie dies neu erlernen.

Die beste und sicherste Lösung bei Trennungsangst ist die Salami-Technik: Stück für Stück wird die Zeitspanne erhöht. Wir fingen bei Ella mit vielen Wiederholungen des Tür-auf-Tür-zu-Machens an, gingen dann tatsächlich vor die Tür und schnell wieder hinein, blieben dann draußen ein bisschen stehen, gingen dann ein paar Schritte weg, gingen um die Ecke, waren ein paar Minuten weg, dann 10 Minuten usw. Das alles verteilt über mehrere Tage, bis die Familie eine halbe Stunde weg konnte, dann immer eine viertel Stunde länger, bis schließlich eine Distanz von 5 Stunden erreicht war.

      

Das hört sich ganz einfach an, ist aber eine Angelegenheit von großer Sorgfalt und genauem Timing. 15 Minuten sind dann genau 15 Minuten. Der Hintergrund bildet die Überlegung, dass der Hund lernt: Ach so, die gehen nur kurz zur Tür hinaus, kein Grund für Panik (oder nur kurz den Türknauff betätigen, je nachdem, ab wann der Hund in Stress gerät). Dieser Reiz wird durch oftmaliges Wiederholungen desensibilisiert, bis der Hund wieder in Ruhe alleine bleiben kann, in dem Wissen: Die kommen wieder!

Natürlich durfte Ella, wenn sie nun beispielsweise 10 Minuten allein bleiben konnte, nicht stundenlang allein bleiben, wenn ihre Menschen zur Arbeit gingen. Hierfür wurde Hundehüter gefunden und auch sonst bemühte sich die Familie: Ellas Stresslevel musste reduziert werden, denn ein territorialer Wechsel ist sehr belastend für Hunde. Außerdem brauchte sie mehr Hundekontakt, um die sehr enge Bindung zu ihrer Menschenmutter etwas zu lockern und damit sie mehr Selbstständigkeit entwickelte. Sie bekam neues Futter, einen geregelten Tagesablauf und einen Kong! Mit tollen Gutti gefüllt machte er das Alleibleiben schmackhaft. Zudem vereinbarten wir, die Innentüren im Haus offen zu lassen, damit Ella keine Beklemmungen bekam.

Heute kann Ella problemlos 5 Stunden und länger allein bleiben, jeden Tag. Sie liegt dann auf der Couch unter der Decke und schläft. Insgesamt haben wir für das Training knapp 3 Wochen benötigt, vor allem weil die Familie jeden Tag übte. Gut gemacht!