Folgende Fallbeispiele (die Familiennamen wurden geändert) sollen anregen und ermutigen, Probleme anzugehen.  Die Trainings wurden jedoch für die jeweiligen Mensch-Hund-Teams maßgeschneidert. Es gibt keine pauschalen Lösungen.

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Ronya

 

Autorin: Sonja Hoegen

Wegen einem Bellproblem rief mich Ronyas Halterin Frau Seiler an. Ich machte einen Hausbesuch und stellte schnell fest: Bellen war hier tatsächlich ein großes Problem, aber nicht das einzige.

Frau Seiler durfte auf der Straße nicht mehr angesprochen werden, sonst verbellte Ronya (Mittel-Schnauzer, 2 Jahre) die Menschen hysterisch. Radfahrern und Kindern sprang Ronya kläffend hinterher, sogar Schubkarren, die einfach so auf dem Weg standen, wurden angebellt.

Frau Seiler ging nur noch mit pochendem Herzen spazieren, sie ist Rentnerin und hatte Angst, sie würde Ronya einmal nicht mehr halten können. Auch im Haus verbellte Ronya jeden Passanten und das machte sie bei den Nachbarn nicht gerade beliebt. Besuch war ebenfalls ein Problem: ließ Ronya ihn herein, bellte sie unaufhörlich.

Letzteres bekam ich selbst zu spüren. Über die ganze Dauer des Erstgesprächs bellte Ronya: 1 ½ Stunden. Normalerweise hätte ich nach wenigen Minuten abgebrochen und einen neuen Termin in meinem Besprechungszimmer vereinbart. Doch Frau Seiler fährt nicht Auto, Busfahren war mit Ronya undenkbar, und so erstellten wir eben über das Bellen hinweg die Anamnese.

 

    

Frau Seiler hatte Ronya aus dem Tierheim übernommen. Kurz darauf starb ihr Mann. Einige kleine Probleme, die Ronya aus dem Tierheim mitbrachte, bekam Frau Seiler gut selbst in den Griff. Andere wurden immer schlimmer. Darum ging Frau Seiler auf den örtlichen Hundeplatz. Die Trainer dort bescheinigten Ronya einen „Schnauzer-Trotzkopf“ als Ronya die Kommandos nicht befolgte. Außerdem müsse Ronya ausgelastet werden und so begann Frau Seiler, jeden Tag mit Ronya Ball zu spielen, manchmal über eine Stunde.

Dieses ständige Abrufen des Beutetriebs, der Verlust eines Sozialpartners, der Druck auf dem Hundeplatz und nicht zuletzt der Aufenthalt im Tierheim sorgten dafür, das Ronya extrem gestresst war. Sie konnte Radlern, Kinderwagen, etc. nicht mehr gelassen begegnen, was sich bei ihr eben in hysterischem Bellen äußerte.

Anstatt also alle Probleme einzeln zu bearbeiten, nahmen wir uns der Ursache an und entwarfen gemeinsam ein Stress-Abbau-Programm.

Parallel dazu überprüfte ich Frau Seilers Reaktion in besagten Situationen und trainierte bei Ronya Alternativ-Handlungen ein. Wir änderten viele kleine Dinge wie zum Beispiel Brustgeschirr statt Halsband, aber auch große: Tagesablauf, Bewegungsintensität, Futter.

 

Noch nie habe einen Stress-Hund beobachtet, bei dem die Veränderungen so schnell Wirkung zeigten. Schon nach wenigen Tagen waren die ersten Erfolge sichtbar, nach einigen Wochen schaffte Ronya es sogar, an Frauen mit Kinderwagen und großen bärtigen Männern mit weitem Mantel problemlos vorbeizugehen.

Das ist vor allem Frau Seilers Verdienst. Sie befolgte alle meine Vorgaben und bemühte sich in jeder Hinsicht.

Heute können die beiden entspannt spazieren gehen. Frau Seiler kann sich wieder mit ihren Bekannten unterhalten und auch Besuch daheim ist nun okay. Vor kurzem war der Handwerker mit seiner großen klapprigen Kiste da. Ronya beschnüffelte ihn kurz und beobachtete ihn dann interessiert beim Arbeiten.

Frau Seiler kann Ronyas Bellen nun auf Handzeichen stoppen und weiß, wie sie mit kritischen Situationen umgehen muss. Inzwischen kann Ronya mit in die Hundegruppe. Dort tollt sie ausgelassen mit den anderen Hunden herum. Auch die Grundkommandos hat sie schnell gelernt: sie ist kein „Schnauzer-Trotzkopf“.

 

 

Paulchen 

Autorin: Sonja Hoegen

Paulchen beschützte seine Familie. Deswegen rief Familie Lange zumindest an. Doch beim Erstgespräch stellte sich heraus: Paulchen neigte tatsächlich zum Beschützen: er beschützte sich selbst. 

Mehrere Situationen hatte es gegeben, in welchen Paulchen unangemessen (in den Augen seiner Halter) aggressiv reagiert hatte. Er hatte den Sohn an die Wand gestellt, als dieser vom Tisch aufstand. Er hatte den Familienvater gestellt, als dieser ein Nudelholz hochhob. Beim Spaziergang schnappte er einem Passanten in den Hintern. Bei einem Mädchen, das zu Besuch da war, schnappte er nach ihrer Hand, und es gab noch weitere Vorfälle. 

Darüber hinaus haute Paulchen ab, wenn man ihn frei ließ. An der Leine verbellte er andere Hunde hysterisch und wurde daraufhin nicht mehr zu Hunden hingelassen. Er bellte lange und aufgedreht, wenn es an der Tür klingelte, und im Garten verkläffte er alles, was nach Eindringling aussah.

Die Familie stand kurz davor, ihn abzugeben. Das Tierheim schickte sie zu mir. 

 

   

Paulchen war ein rumänischer Straßenhund, der nach Deutschland importiert wurde. Eine längere Zeit blieb er im Heilbronner Tierheim, wurde schließlich vermittelt und nach einem halben Jahr zurückgeholt: man hatte Paulchen in diesem „Zuhause“ an die Heizung gekettet. 

Wieder wartete er im Tierheim, er wurde älter, sein Chancen sanken. Dann kam Familie Lange und nahm Paulchen auf. Ein neues, liebevolles Leben begann. Anfangs lief alles ganz okay, aber mit der Zeit tauchten ungeahnte Probleme auf, die immer schlimmer wurden. 

Als Familie Lange in meine Hundeschule kam, war Paulchen 9 Jahre alt und kastriert. 

Gemeinsam gingen wir die Probleme durch, suchten Ursachen und erstellten ein Trainingsprogramm. Paulchen sollte in die Grundschule gehen, damit er nicht mehr abhaute und das Alltagsleben einfacher würde. Dazu schulte sich die Familie in der Körpersprache des Hundes, um es gar nicht zu Beißvorfällen kommen zu lassen. Wir änderten einige Dinge im Haus, etablierten Ruhezonen und Regeln, die für Mensch und Hund galten. Paulchens Ernährung wurde umgestellt, was neben der Verhaltensänderung einen schönen Effekt hatte: er stank nicht mehr und somit fiel auch das wöchentliche Bad zu Paulchens Erleichterung weg. 

Die Grundkommandos lernte Paulchen mit Begeisterung, auch wenn er anfangs schnell ermüdete. Die Familie arbeitete toll mit und schon bald konnten wir mit dem Training zum Tolerieren von anderen Hunden anfangen. Auch hier zeigte sich Paulchen extrem gelehrig und der Höhepunkt war erreicht, als wir einen Rüden zu Paulchen auf den Hundeplatz schickten und Paulchen sind nicht sonderlich interessiert zeigte. Er blieb ruhig und befolgte hervorragend die Folgekommandos, die wir vorher eintrainiert hatten. Nach und nach schloss Paulchen Hundefreundschaften und eines Tages erzählte mir Familie Lange, dass Paulchen mit einem Rüden gespielt hätte. Inzwischen kann Paulchen sogar an anderen kläffenden Hunden souverän vorbeigehen, er hat es nicht mehr nötig, da auszurasten. 

 

    

Weil Paulchen und die Familie offensichtlich gern und gut lernte, nahmen wir das Bellen an der Tür und im Garten in Angriff. Es wurde vereinbart, das Paulchen zwar noch anschlagen durfte (er ist schließlich ein Hund), aber auf Kommando stoppen sollte. Auch das kann er heute. Inzwischen lässt die Familie ihn wieder frei laufen und es gab keinen Beißvorfall mehr. Paulchen liebt es zu Schmusen, aber wenn es ihm zu viel wird, wird das respektiert. Er hat ein tolles Zuhause – alles Gute, Paulchen!